FH Magazin

Frühes Forschen inklusive

Über das gängige Klischee, an den heimischen Fachhochschulen kämen die Forschung und Entwicklung zu kurz, kann Sabrina Lindinger nur den Kopf schütteln. „Ich habe schon während meines Bachelorstudiums in der Grundlagenforschung gearbeitet und jetzt für meine Masterarbeit ist es sogar Pflicht, dass sie Neues enthalten und forschungsbezogen sein muss“, erklärt die Studentin des Masterlehrgangs Biomedizinische Analytik an der FH Campus Wien. Und steht mit diesen Erfahrungen nicht allein, denn die Türen zu Forschungs- und Entwicklungsprojekten stehen an den FHs allen offen – und das nicht erst mit dem Erreichen der höheren Semester. Geforscht wird hier in allen Bereichen, von der Medizintechnik über die Mechatronik bis zu Multimedia-Technologien, wobei jede Fachhochschule ihre eigenen Schwerpunkte setzt. Schon die Studierenden in den Bachelorstudiengängen haben Gelegenheit, durch Datenerhebungen oder Recherchetätigkeiten praktisch an Projekten teilzuhaben und somit erste Forschungsluft zu schnuppern, ehe sie später im Zuge des Masterstudiums Projektleitungen übernehmen. 

Ergebnisse und Kontakte 
Dabei kann es dann gut sein, dass sie das Ergebnis ihres wissenschaftlichen Einsatzes bald schon in ganz konkreten Produkten oder Prozessen wiederfinden: Denn an den Fachhochschulen wird zu einem großen Teil nicht im luftleeren Raum, sondern anwendungsorientiert und in enger Abstimmung mit der heimischen Wirtschaft geforscht. Was nicht nur zu hervorragend ausgestatteten Laboren und Forschungsstätten führt, sondern oft auch zu engen Kontakten beispielsweise in die Pharmabranche, Automobilindustrie oder Software-Entwicklung, die sich später als wertvoll für die eigene Karriereplanung erweisen. 

Fliegende Footbälle 
Auf dem Weg in die Forschung werden die FH-Studierenden organisatorisch unterstützt. Wartezeiten werden wenn möglich vermieden, Bittstellereien sind an modernen Hochschulen sowieso nicht gefragt. „Bei uns am MCI werden immer wieder Projekte vorgestellt, an denen man dann teilnehmen kann“, berichtet beispielsweise Markus Probst, Mechatronik-Bachelorstudent am Management Center Innsbruck. Eine dieser Vorstellungen hat den 26-Jährigen dann auch zu seinem ausgefallenen Projekt gebracht, an dem er jetzt im Rahmen seiner Bachelorarbeit forscht: der Entwicklung einer WLAN-Kommunikation für eine Football-Wurfmaschine, für die er eng mit dem heimischen Football-Team, den Swarco Raiders Tirol, zusammenarbeitet. Erfunden hat Probst die Maschine nicht, „Zu diesem Thema sind schon einige Bachelor- und Masterarbeiten vor mir passiert“, lacht er, „ich habe die Maschine selbst fertig übernommen.“ Die Herausforderung, der er sich jetzt stellt, ist die Entwicklung eines WLANProtokolls, das es den Coaches ermöglicht, die Maschine nicht mehr wie bisher per Kabel, sondern per App zu steuern. Denn der Sinn der Maschine liegt darin, dass immer neue Zeiten, Geschwindigkeiten und Flugkurven eingeben werden können, mit denen die SpielerInnen trainieren. Was bisher eben nur dann möglich war, wenn das Gerät per Kabel verbunden war. „Vorher habe ich mit Football eigentlich gar nichts zu tun gehabt“, erinnert sich Probst, „aber als ich die Maschine bei den Vorstellprojekten gesehen habe, habe ich gefragt, ob ich da nicht was machen kann.“ Die Antwort hieß ja – und wenn der inzwischen durchaus auch Football-Begeisterte mit seiner Arbeit fertig ist, hat es nicht nur der Coach leichter, sondern Markus Probst auch einen Titel als Bachelor of Science – ehe er sich im Anschluss an seinen Master machen wird.

Kommunizierende Roboter
An der Erleichterung von Arbeitsprozessen forscht derzeit auch Ali Aburaia. Der Student des Bachelor-Studiengangs „Internationales Ingenieurwesen“ der FH Technikum Wien arbeitet als Laborant in der Digitalen Denkfabrik, „einer Forschungseinrichtung, die sich mit Innovationen rund um das Thema Industrie 4.0 beschäftigt“, wie der 22-Jährige erklärt. „Dabei geht es darum, neue Konzepte zu entwickeln, mit denen die üblichen statischen Produktionsstraßen in Fabriken durch mobile Roboter ersetzt werden können“, so der Nachwuchs-Forscher. Kernpunkt sei dabei, die verschiedenen Roboter, die verschiedene Sprachen sprechen miteinander kommunizieren zu lassen. Nicht gerade eine kleine Aufgabe für einen Viertsemester-Studenten, der schon im dritten Semester eingestiegen ist und für seine Forschungstätigkeit auch bereits bezahlt wird – und entsprechend auch eigenständig arbeitet. „Ich habe einen Projektleiter, dem ich einmal in der Woche im Rahmen eines Meetings meine Vorschläge vorstelle“, berichtet Aburaia aus der wissenschaftlichen Praxis, „und wenn die passen, kann ich die entsprechende Aufgabe auch übernehmen und damit anfangen.“ Und wie schwer war es, schon so früh eine solche Stelle zu ergattern? „Wenn man das richtige Interesse und Engagement zeigt und sich auf die Ausschreibungen bewirbt, bekommt man auch eine Gelegenheit“, ist er überzeugt, „und wir sind hier in der Forschung und Entwicklung alle noch ziemlich jung.“

Zukunftsfähige Häuser
Das gilt auch für Elisabeth Weber, die zu Studierenden des ersten Jahrgangs des Bachelors Gebäudetechnik und Gebäudeautomation an der FH Burgenland gehört und mit gerade einmal 20 Jahren schon an einem Forschungsprojekt im „Living Lab“ der Hochschule mitarbeitet. „In unserem Projekt geht es um das Haus der Zukunft und ich bereite die Projekttage vor, in denen definiert werden wird, wie dieses Haus aussehen wird und welche Standards es haben soll“, berichtet sie von den Inhalten ihres Forschungsprojekts im dritten Semester des Bachelorstudiengangs. Hürden müssen für den Zugang zu diesen Forschungsmöglichkeiten keine überwunden werden, was unter anderem einer der Gründe war, warum sich Weber für das Studium an ihrer FH entschieden hat. „Ganz im Gegenteil, wir werden sogar manchmal von Lektorinnen und Lektoren gefragt, ob wir nicht Interesse haben“, so Weber, „und dadurch, dass es bei uns so viele Forschungsprojekte gibt, ist auch immer ein Bedarf an Mitarbeit da.“ Alleingelassen werde man dabei aber trotzdem nicht, betont die Studierende: „Wir werden von allen Beteiligten unterstützt und haben die Möglichkeit, uns in jedem Bereich zu bewegen“, freut sie sich.

Labor in London
Große Unterstützung bei ihrem außergewöhnlichen Forschungsvorhaben für die Masterarbeit im Bereich Biomedizinische Analytik hat auch Sabrina Lindinger von ihrer FH Campus Wien erhalten. Die 26-Jährige arbeitet daran nämlich am Londoner King’s College – und das, obwohl sie nebenbei auch noch Vorlesungen an der heimischen Hochschule besuchen muss. „Da hat mir die Lehrgangsleitung wirklich sehr geholfen, die Teilnahme an den Vorlesungen über das virtuelle Doc-Connect-System möglich zu machen“, ist Lindinger für die Unterstützung dankbar, die die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, dass sie sich in London ganz ihrer Forschung widmen kann. Die beschäftigt sich mit Herzmuskel-Erkrankungen, Lindiger forscht dabei an Proteinen, die gewisse Informationen in die Kerne erkrankter Zellen transportieren sollen, um beispielsweise Versteifungen dieser Zellen zu verhindern. Nach London zu gehen war dabei der Wunsch der jungen Forscherin, „unsere Lehrgangsleitung ist in der Forschung sehr vernetzt, da hätte ich auch in Österreich Möglichkeiten gehabt“, erinnert sich Lindinger. Für sie selbst ist nach so viel Forschung sowohl im Bachelor als auch jetzt im Master nach dem Abschluss erst einmal Schluss: „Jetzt will ich dann erst einmal arbeiten“, lacht sie, „und vielleicht auch mal wieder ein Wochenende haben. Denn so viel zu forschen, ist schon auch sehr stressig.“

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